Nie wieder Opfer! Offener Brief von Terry Swartzberg an Felix Klein

Nie wieder Opfer!

Offener Brief von Terry Swartzberg an Felix Klein

Shalom Felix,

Seit dem 1. Dezember 2012 trage ich eine Kippa in der Öffentlichkeit – überall in München, Deutschland und Europa.

Gestern – am 26. Mai 2019 – erging es mir als Kippa-Träger so ziemlich genauso wie an den 2.367 Tagen zuvor: Ich erlebte keine Anfeindungen, keine bösen Blicke und natürlich und vor allem keine Gewalt – also nichts von dem, das Sie mir als Kippa-Träger vorausgesagt haben.

Vielmehr bekam ich einige lustige, aufmunternde Bemerkungen, wie ich es nicht anders erwartet hatte. Meine Kippa – eine der farbenfrohesten aus meiner großen Sammlung (anbei ein Foto!) – und ich standen am „Stolpersteine“-Stand auf dem „Corso Leopold“ in München und sahen buchstäblich viele der 200.000 Teilnehmer vorbeiziehen.

Vor 2.368 Tagen setzte ich eine Kippa auf meinen Kopf, um den Juden in Deutschland und anderswo auf der Welt Mut zu machen. Und um ihnen zu zeigen,

dass sie gar nichts zu befürchten haben beim – freudigen und stolzen – Vorleben unserer jüdischen Identität in der Öffentlichkeit

dass die Zeiten, in denen wir versteckt in Ghettos leben und uns ängstigen müssen, längst vorbei sind

dass die Zeiten, in denen wir proaktive und antreibende Protagonisten des neuen und vielfältigen Europas sind, angebrochen sind.

Vor 2.368 Tagen setzte ich meine Kippa auf, um Ihnen, lieber Felix, zu zeigen, dass wir Juden eine Grundlektion des Holocaust gelernt haben: Am effektivsten lassen sich Antisemiten und Hasser aller Art bekämpfen, indem wir uns direkt und angstfrei vor sie stellen und ihnen zeigen, dass wir Juden – wie viele andere Minderheiten, die ebenfalls Ausgrenzung und Hass erleben – es ablehnen, wieder in die Opferrolle gedrängt zu werden.

Angesichts dessen ein Vorschlag: Bevor Sie wieder eine Warnung über das Kippa-Tragen in der Öffentlichkeit von sich geben – warum nicht einfach kurz mit mir und mit den vielen anderen Juden spreche, die ein freudiges und angstfreies Judentum leben und vorleben?

Besser noch: Warum begleiten Sie mich nicht, während ich meinen völlig unspektakulären Alltäglichkeiten nachgehe. Vielleicht lernen Sie etwas dabei – und schöpfen Mut!


Yom tov!

Terry